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Nachricht vom 02.10.2023 Wirtschaft

Vor 100 Jahren gegründet, seit 5 Jahren Geschichte – das Betonwerk Hirschau

Hirschau (Bericht von Werner Schulz)  1923 war das Jahr der Hyperinflation. Im September lag sie bei 21 328 Prozent. Deutschlands Wirtschaft lag in Scherben. In dieser Phase grĂĽndete vor 100 Jahren die Eisenbahn-, Kanal- und Tiefbau AG MĂĽnchen am 1. Oktober 1923 in Hirschau ein Betonwerk.

Den Standort an der B 14 östlich der Amberger Kaolinwerke hatte man gewählt, weil die AKW Quarzsand zu Tage förderten, der sich zur Herstellung von höchsten Qualitätsanforderungen gerecht werdenden Betonteilen eignete. Dies gab letztlich den Ausschlag zur Gründung des Betonwerks in Hirschau. Die Eisenbahn-, Kanal- und Tiefbau AG führte vorwiegend Bauten für die Eisenbahnverwaltung aus.

Am 5. Oktober 1923 legte dem Hirschauer Magistrat ein AKW-Vertreter den Plan für eine Beton-Fertigungshalle vor. Er bezahlte dafür Gebühren in Höhe von zwei Billionen und drei Milliarden Mark. Das entsprach damals etwa einem halben Dollar. Sofort errichtete man eine provisorische Fertigungshalle. Am 29. Oktober begann der Bau der Haupthalle. Unter Leitung von Ing. Richard Bachmann aus Amberg entstand die erste Beton-Produktionsstätte. Nach der Fertigstellung übernahm Bachmann im Februar 1924 die Betriebsleitung. Am 1. März 1924 begann die Produktion in der winterfesten, beheizbaren Halle. Man stellte vorwiegend Betonwaren für den Eisenbahnbau her, sowie für die Post und die Energieversorgung. Am 1. Juli 1924 wurde die Firma von der „Süddeutschen Tiefbaugesellschaft Polensky & Zöllner“ übernommen. Das Fertigbetonprogramm wurde beibehalten. Reichsbahn und Reichspost blieben Hauptabnehmer. Ganz Deutschland wurde jetzt mit Betonwaren aus Hirschau beliefert. Der Aufwärtsentwicklung setzte der 2. Weltkrieg ein jähes Ende. Die Produktion musste zum Teil auf kriegswichtige Artikel umgestellt werden. Die Währungsreform 1948 brachte die wirtschaftliche Wende. Die Fertigung wurde wieder auf den alten Abnehmerkreis Bahn, Post und Energieversorgung umgestellt.

Im April 1953 verkaufte „Polensky & Zöllner“ den Betrieb an Ing. Odo Stoellger. Er war in dem Werk schon seit 1950 als Betriebsleiter tätig. Am 1. Mai 1953 übernahm er die Führung. Mit einem weiteren Teilhaber gründete er die Firma „Betonwerk Hirschau, Stoellger & Co“. Mit neuen Artikeln und neuem Absatzgebiet wurde versucht, einen Ausgleich für die verlorenen Absatzgebiete in Sachsen und Schlesien zu finden. Am 1. Juli 1957 wurde Stoellger alleiniger Firmeninhaber. 1969 folgte der nächste Expansionsschritt: 19 000 m² Grund wurden gekauft. Die 5 000 m² große Halle erhielt einer vollautomatische Betonaufbereitungsanlage.

Stoellger kannte die Probleme im Zusammenhang mit dem Bau von Bahnstrecken. Während früher für jedes Kabel ein Graben ausgehoben oder ein Schacht für die Kabelverteilung gemauert werden musste, setzte er auf vorgefertigte Betonbauteile. Er entwickelte Produkt für Produkt in Abstimmung mit dem Bundesbahn-Zentralamt. Die Grundstücke und Hallen boten ab Anfang der 1970er Jahre die Voraussetzungen für eine witterungsunabhängige, rationelle Serienproduktion und für individuelle Einzelfertigungen. 1973 produzierte man täglich 450 Tonnen Betonwaren. Seit der Übernahme durch Stoellger war der Umsatz von 100 000 DM im Jahr 1953 auf über sieben Mio. DM im Jahr 1973 gesteigert worden.

Während das Postgeschäft abnahm, da die Kabelkanalformsteine durch Kunststoffrohre ersetzt wurden, erweiterte sich das Bahn-Absatzgebiet auf die gesamte Bundesrepublik. Von Flensburg bis Basel und Bad Reichenhall bis Emden lieferte das Betonwerk seine Erzeugnisse, nicht zuletzt deshalb, weil die Güter frachtfrei befördert wurden. Um der Nachfrage gerecht zu werden, holte man Gastarbeiter aus Jugoslawien und kaufte im Dezember 1974 ein Werk in Frickhofen bei Limburg/Lahn. Zum 1. Januar 1975 spaltete Stoellger sein Unternehmen in eine Besitz- und eine Betriebsgesellschaft auf. Die neu gegründete „Betonwerk Hirschau Stoellger GmbH“ beschäftigte 1976 mehr als 160 Mitarbeiter. Die allermeisten kamen aus der unmittelbaren Umgebung.

Am 5. Dezember 1980 verstarb Odo Stoellger. Die Familie Stoellger-Steindl übernahm alle Geschäftsanteile, Georg Adolf Steindl die Geschäftsführung. Bei der Bahn zeigten sich erste Ansätze einer Privatisierung. Dies bedeutete erhebliche Preisabschläge. Die frachtfreie Beförderung kippte nach und nach. Der Pachtvertrag mit den AKW für das Grundstück mit den Gebäuden aus dem Jahr 1923 endete 1990. Die dortige Produktion verlagerte man in neue Hallen auf eigenem Gelände. Die Wiedervereinigung brachte für kurze Zeit - besonders in den neuen Bundesländern - einen erhöhten Bedarf an Betonbauteilen. Ab 1997 war die Produktpalette zum Großteil in den neuen Ländern aufgebaut. Während die Bahn bis dahin ihren Betonteilbedarf vorwiegend selbst gedeckt hatte und dieser als frachtfreies Dienstgut transportiert wurden, vergab die Deutsche Bahn die Aufträge nun an Baufirmen inklusive der Materialbeschaffung. Ein Preiskampf entbrannte. Der Transport erfolgte nun über die Straße, da das Umladen der Güter am Empfangsbahnhof auf LKW für die Lieferung zur Baustelle entfiel. Profitables Arbeiten war nicht mehr gegeben. Am 21. April 2004 beantragte Steindl beim Amtsgericht Amberg das Insolvenzverfahren über das Vermögen der „Betonwerk Hirschau Stoellger GmbH“. Es wurde am 1. Juli 2004 eröffnet, als Insolvenzverwalter RA Dr. Hans-Peter Lehner bestellt. Das nicht angegriffene Stammkapital, ein Gewinnvortrag und Barmittel, der Auftragsbestand, die hervorragende, eigen- und fremdüberwachte Produktqualität usw. waren Gründe, das Werk unter Insolvenzbedingungen fortzuführen. Annähernd 14 Jahre lang konnten die Kunden mit Produkten für den schienengebundenen Verkehr und den Bedarf der Energieversorgungsbetriebe weiter bedient werden. Nachdem fast alle Arbeitnehmer der Stammbelegschaft das Rentenalter erreicht hatten bzw. kurz vor dem Renteneintritt standen, wurde der Geschäftsbetrieb am 31. Januar 2018 eingestellt. Die Grundstücke und Gebäude samt Einrichtung von Besitz- wie Betriebsgesellschaft wurden an die AKW verkauft. Das Betonwerk Hirschau war endgültig Vergangenheit.

Odo Stoellger trat 1950 als Betriebsleiter in das Betonwerk Hirschau der „Süddeutschen Tiefbaugesellschaft Polensky & Zöllner“ ein. Am 1. Mai 1953 übernahm er die Führung. Mit einem weiteren Teilhaber gründete er die Firma „Betonwerk Hirschau, Stoellger & Co“. Nach seinem Tod am 5. Dezember 1980 übernahm die Familie Stoellger-Steindl alle Geschäftsanteile. - Foto von Werner Schulz/ReprosFoto: Werner Schulz/Repros
Odo Stoellger trat 1950 als Betriebsleiter in das Betonwerk Hirschau der „Süddeutschen Tiefbaugesellschaft Polensky & Zöllner“ ein. Am 1. Mai 1953 übernahm er die Führung. Mit einem weiteren Teilhaber gründete er die Firma „Betonwerk Hirschau, Stoellger & Co“. Nach seinem Tod am 5. Dezember 1980 übernahm die Familie Stoellger-Steindl alle Geschäftsanteile.

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Foto: Werner Schulz/Repros
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